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Das Ende der Julezeit


Ein Geheimnis lüftet sich


Die Rauhnächte enden und der erste Tag des neuen Jahres steht kurz bevor.

Zwar werden die Tage immer noch kälter doch zum Glück auch schon wieder länger.

Das Garn der Nornen, welches sie im vergangenen Jahr für dich gesponnen hatten, gleicht einem wahren Kunstwerk.

Die Wendungen, die das deine Leben in diesem Jahr genommen hatten, hättest du nicht gewagt, deiner Vorhersehung zuzuschreiben. Nun, mit Erfahrung betrachtet, gleicht der Faden einem keltischem Knotenwerk.


Stillschweigend; die Momente noch einmal in Gedanken durchgehend, beobachtest du liegend die Sterne des winterlichen Nachthimmels, gewärmt vom inneren Feuer der freudigen Erwartungen an kommend Tage.

Es ist unglaublich, wie kraftvoll sich die Erinnerungen in dein Gedächtnis eingebrannt haben.

Tatendrang steigt in dir auf, wenn du daran denkst, was alles noch erreicht werden kann.

Niemand wird behaupten, dass du dich nicht jeder Herausforderung gestellt und viele davon auch mit Ruhm und Ehre gemeistert hast.

Die Aufgaben, die dir auferlegt wurden, hast du bestanden. Clever, wie ein Fuchs, hast du Lehren aus deinen Erfahrungen gewonnen.


Lächelnd und stolz beliebäugelst du deinen Körper, der unterdessen von der einen oder anderen Narbe geziert ist. Es sind Zeichnungen harter Arbeit und gewonnener Schlachten. Dein Hab und Gut birgt viele neue Schätze, auf die du nicht mehr verzichten möchtest. Felle, Gewandungen, Waffen, Münzen, Armreife, Bücher und Ringe, darfst du dein Eigen nennen. Doch der Stolz, mit dem dich diese Dinge erfüllen, ist nur eine Kleinigkeit im Gegensatz zu dem Gefühl, dass du hast, wenn du an die deinen neuen Gefährten denkst, für die du auch im nächsten Jahr als Freund gelten wirst!


Eines Raben Krächzen, dessen Quelle du aus Richtung des Daches deiner Hütte deutest, lässt dein Herz erweichen.

Ohne deinen Blick von den Gestirnen zu lösen, sprichst du: ,,Abara, mein treuer, gefiederter Vegvísir; wohin gedenkst du mich nun wieder zu führen?''

Deine Augenlieder weiten sich, als du eine raunende und gleichzeitig singende Vogelstimme, vernimmst: ,,Das wirst du gleich sehen, Auserwählter!''

Die Haare in deinem Nacken stellen sich auf. Harzig dreht sich dein Kopf bis du den Raben erblickst.

Abara schaut dich an, hebt langsam ihren Kopf in Richtung der Sterne, die du eben auch noch betrachtet hattest.

Dieser Moment, der mit der Unendlichkeit verschmolz, war der Anbeginn des Verschwimmens, der dir bis anhin bekannten Realität.


Aus dem Nichts über dir erkennst du, wie sich tropfend ein Lichtstrahl formt und sich windend beginnt auf euch zuzubewegen. Unaufhaltsam und in unbeschreiblicher Schönheit funkelnd, lässt sich das Licht, welches dem Mond persönlich entzogen zu seien schien , auf der Spitze des Raben Schnabels nieder und bildete einem Moment der Unfassbarkeit.

Als der Lichtstahl aus der Unendlichkeit verblasst, hinterliess er ein kleines Leuchten, welches sich schleichend über den ganzen Raben ausbreitete und ihn beseelte.

Blutrote Lichtblitze zucken aus dem kleinen, feinen Leib der Krähe heraus und zerrreisen derer Silhouette. Glühend und in rasanter Geschwindigkeit, wächst die Überbringerin der Botschaften zu unnatürlicher Grösse heran.

Die Flügel verengen und ihre Beine weiten sich. Der Schnabel streckt sich empor und beginnt die Form eines knorrigen Steckens anzunehmen.

Als die Umwandlung vollendet war, erblickst du die Gestalt eines dir bekannten Menschen.


Erodin, der Druide der Blutraben, bringt dir mit den Händen, die eine offen und in der anderen den Stecken haltend, eine Geste des Grusses entgegen. Er schaut dir stechend in die Augen und spricht ehrwürdig:

"Sag mir bitte, dass ich keinen Schnabel mehr habe!?"

Verdutzt schaust du ihn an und schüttelst, komplett überfordert, hastig den Kopf.

"Gut! Dann kann ich ja weitermachen.", bestimmt er ermutigt, sträubt sich kurz, entledigt sich der restlichen Federn auf seinem Umhang und richtet seinen arkanen Fokus auf dich. Er brummelt mit klarer, bassbetonter Stimme:

"Gangan dû et Hüs, senten in stat det Raban!"


Vor deinen Augen, zerspringt nun der Rest deiner Wirklichkeit. Eben noch auf festem Grund gelegen, scheint sich der Boden unter dir in die Tiefe zu begeben. Ein Sog ergreift deinen Körper.

Als würde jemand deine Füssen greifen und mit derartiger Geschwindigkeit an ihnen ziehen, sodass dein Restliches zu träge ist, um dieser Kraft zu folgen, verzieht sich deine irdisch Hülle schmerzlos. Deine Gliedmassen winden sich, wie eine in die Länge gezogene Schlange, in Richtung des Druidenstabes Spitze.

Panik droht in dir aufzusteigen, doch dieselbe Energie, die dich davonträgt, hält jene von dir fern. Eine unendliche, sanfte Ruhe überkommt deinen Geist.

Schemenhaft glaubst du noch den Druiden zu erkennen, wie er sich beginnt im Kreis zu drehen, dass weder er noch wirklich auf seinen Beinen oder gar auf dem Dach deiner Hütte stehend scheint.


Jeglicher Sinn für Gleichgewicht und Orientierung entgleiten dir.

"WO, bin ich? WAS, bin ich? WIE, bin ich? WER, bin ich? WARUM, bin ich?", sind die letzten fragenden Worte, die du wahrnimmst. Du vermutest, dass diese Gedanken deine eigenen sind.


Du öffnest deine Augen und erhaschst das Firmament über dir.

"Bei allen Göttern, ich muss eingeschlafen sein.", lautet der Gedankengang, der dich beim Aufwachen begleitet.

Erleichtert betrachtest du den Sternenhimmel. Nach kurzer Besinnung weiten sich deine Augen abermals. Die Splitter, der abgefrorenen Zehen von Aurvandill, sind gewandert.

Übelkeit überkommt dich und der Inhalt deines Magens beginnt sich den Weg in die Freiheit, in falscher Richtung, zu bahnen.

Speiend und spukend entledigst du dich der letzten Reste, die sich hartnäckig in deinem Rachen festzukrallen versuchten.


Dich erhebend, klopfst du dir ungläubig den dreckdurchmischten Schnee von deiner Kleidung. Indes du dich komplett aufzurichten gedenkst, um noch einmal den Himmel zu erkunden, kreuzt dein Blick, innerhalb eines Wimpernschlagesment, jenen einer jungen Frau, deren Haupt eine Kopfbedeckung aus Rabenfedern ziert.

Gebannt schaust du in das Antlitz von Wala, der Mutter der Raben, bevor deine Augen ungebremst durch die Umgebung irren, im Versuch diese zu erfassen.


Kurz erkennst du dein Haus inmitten anderer stehend. Ein letztes Mal richtest du deinen Blick auf die vor dir stehende Maid.

Knapp vermagst du noch deuten, wie ihre Lippen die Worte formen: "Willkommen im Dorf der Blutraben, deinem Heim; Auserwähl...", bevor Dunkelheit und Freude sich deiner bemächtigen.




Gezeichnet Bannrick Grimmwolf


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